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Sonntag, 20. Juni 2010

die verkaufte Kindheit


Foto: "Die Presse"/Michaela Bruckberger

...der Mensch hat aber nur eine!

Weil der mediale Gott-sei-bei-uns Hans Dichand nach einem langen und wie überall zu hören war, erfüllten Leben dann doch verstorben ist, fielen einige Beiträge unter die Moderationstische. So auch in Ö1 der Beitrag zum aktuellen Familienbericht der ÖVP Familienministerin. Ein wesentliches Element dieses Berichtes und der Begeisterung der Ministerin ist die Tatsache, dass die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ in Österreich gestiegen sei. Aber: In Österreich haben 15,8 % der Unter 3jährigen einen Betreuungsplatz außer Haus, damit ist es noch weit entfernt von der EU-Vorgabe von 33 %. Für die Ministerin eine deutliche Verbesserung gegenüber früher.
Da stellt sich die Frage, in welchem System wir leben, in dem die EU sogar das Familienleben reglementiert? Hat sie sich da an Vorgaben der WHO gehalten oder wie entstand diese „Quote“ ? Warum müssen Eltern von unter 3jährigen ihre Kinder außer Haus betreuen lassen? Kümmert es eigentlich irgend eine politische Nasenspitze, wie es unter 3jährigen geht, wenn sie außer Haus betreut werden? Aller (Medien)-Orten werden Umfragen (unter 12jährigen!) und psychologische Gutachten vor Kameras und Mikrofone gezerrt, die belegen, dass dies Kindern gar nicht schade, ganz im Gegenteil....! Aber warum gibt es keine Umfragen unter den bis zu 3jährigen selbst...? Ich brauche niemanden zu fragen, sondern mich nur zu erinnern. Denn ich hatte damals einen Unfall - mit 2 in der Kinderkrippe. Seit dieser Zeit beginnen meine Erinnerungen. Kinderkrippe, Kindergarten und Schule – wie auf Film, alles im Detail. Und ich kann Ihnen flüstern, ich habe es gehasst. Dieses frühmorgendliche Aus-dem-Bett-gerissen-werden, diese andauernde Atemlosigkeit, die einen ganz schwindelig machte, diese Unendlichkeit des Wartens, bis man endlich „abgeholt“ oder vielmehr, „rausgeholt“ wurde aus dieser Fremde & Masse, wenn auch nur für Stunden, denn am nächsten Tag ging das Gleiche ja wieder von vorne los. Bis man wieder ein richtiges „Ich“ wurde, weil man für Mutter und Vater wirklich wichtig war. Bis es einfach aufhörte und danach alles anders und besser würde. Und das tägliche Hasten aus der Tür. Immer war man mindestens 3 Schritte hinten nach. Entweder, weil man Mama oder Papa hinterher laufen mußte oder als fliegendes Anhängsel, wenn man an die elterliche Hand wie an die Kette gelegt wurde, um nur ja nicht auf die Idee eines eigenen Schrittmaßes zu kommen – früh um 7, bei aller Liebe, aber das war nun wirklich nicht drin. (Was aber in der Idylle meiner Kinderbücher nie vorkam.) Und dieses Gefühl wiederholte sich, 5 Tage die Woche, (fast) 12 Monate lang, jahraus, jahrein – bis man endlich (das hat aber auch gedauert!) vergessen hat, wie es anders sein könnte. Aber warum sollte es Kindern anders gehen als Erwachsenen? Besser, sie gewöhnen sich beizeiten an die Realität – dass man keine Zeit zum Leben im Leben hat. Auch wenn es sich um die eigene Kindheit handelt und man davon nur eine hat.
Was soll man machen? Man muß ja Geld verdienen. Mit einem Gehalt kommt man bei diesen Lebenshaltungskosten nicht aus. Und was, wenn die (Eltern-) Beziehung nicht hält...? Solche Gedanken sind in einem System, in dem das Kapital immer noch das letzte Wort hat, sozusagen „normal“. Wo alles in Geld „umgerechnet“ wird, ob Schmerzen, Sitzenbleiben oder Seelenschäden. Kann man alles in Geldbeträgen ausdrücken, und damit läßt sich rechnen.
Ich habe eine Freundin, die hat nicht nur 3 Kinder, sondern auch eine unglaubliche Geduld. Weil sie die Zeit dafür hat. Zeit zu warten, bis die Kinder mit dem Frühstück fertig sind, Zeit für das gemeinsame Mittagessen, Zeit zum Vorlesen und Schmusen, Zeit zum Beobachten und Fördern, Zeit zum ...Dasein. Sie hat die Zeit, weil sie keine Getriebene ist und weil sie im deutschen Thüringen lebt und dort ein Erziehungsgeld bekommt, das keine „Unterstützung“ und keine politische Großzügigkeit ist, sondern eine An-/Erkennung für das Bemühen um das Wichtigste im Leben – die nächste Generation. Damit haben Eltern dort die Freude & Freiheit zu entscheiden, ob sie ihre Kinder selbst betreuen oder "außer Haus" betreuen lassen. Man bietet den Eltern das, was viele brauchen, wie einen Bissen Brot – ZEIT. Ein erster guter Schritt. Wenn man dann noch der Gesellschaft beibringen könnte, dass man auch nach der Menopause ein vollwertiges Mitglied der (Leistungs-)Gesellschaft ist, hätten wir mehr Lebensfreude, Kinder und in Folge weniger Integrationskosten, alles auf einen Streich.
Was uns dieser Rechenfehler später kosten wird, ahnen nur jene, die auch zuende denken können.
„Jeder Mensch hat ein Recht auf selbstendenden Schlaf“ war Peter Altenberg überzeugt. Daß wir es schon unseren kleinen Kindern nehmen, ist nur eine der kleinen aber feinen Grausamkeiten, die das Kapital unseren Nachfahren antut.
Aber vielleicht gelingt es irgendwann, dass das Recht auf Zeit in der Kindheit anerkannt wird -dann gibt es mit Sicherheit für den Verlust auch eine „Entschädigung“, weil Kindheit dann schon in Geldeinheiten „umgerechnet“ wird.

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